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Ohama Beach – EINEMILLION Handgriffe

Oktober 30, 2018

Bikealltag/ Stories of life: ich hatte schon ein ganze Zeit lang immer wider mal den Gedanken ein paar alte Stories aus meinen anderen-alten Blogs rüberzuziehen. Gar nicht so einfach, wenn man erstmal wissen muß, wie war doch gleich das Login ? Aber nun hier die erste Story, von damals halt. Ja ja, ich weiß, alte Männer, Wehmut und langweilige Geschichten…

*lach*

Einige Minuten zum nachdenken

6. juni 1944 ( D- day ) die Klappe des Landungsbootes öffnet sich, die Füße stehen im frischem Erbrochenen, unsere ganze Ausrüstung ist feucht bis auf die Unterhose es ist eng und es liegt ein Geruch in der Luft, den keiner so richtig beschrieben kann. Schweiß, Angstschweiß, salzige Seeluft und die Schmauchwolken der Geschosse die unablässig von hinten, von unseren eigenen Leuten kommen und von vorne aus dem Lauf dieser verdammten nicht sichtbaren MG´s die da irgendwo aus dem Sandhaufen unaufhaltsam auf uns schießen.

So, oder so ähnlich.

Es ist nicht so das ich diese Szene oder den Krieg generell glorifizieren will. Ganz im Gegenteil. Der film “Der Soldat James Ryan” zeigt die Sinnlosigkeit, Grausamkeit und vor allen dingen die Ohnmacht als Normalzustand eines Krieges. Im Krieg gibt es keine Gewinner. Und dennoch ist mir damals genau dieser Begriff Ohama Beach eingefallen als, wir mal wieder eine Montage hatten.

Erlangen sollte diesmal der Ort des Geschehens sein. Ich hatte gerad eine meiner besten Freunde in der damalige Firma untergebracht, wo ich auch beschäftig war. Wir brauchten einfach Leute, gute Leute. An einem Freitagmorgen hatte ich ihn in der Funktion als Monategleiter angerufen, noch im Beisen meines Chefs. Wir hatten gemeinsam die letzten Montagen für diesen Roll-out-job durchgesprochen und ganz nüchtern festgestellt, daß das nicht mit den Leuten zu machen war die wir bisher hatten.
Nicht etwa grundprinzipiell, aber die wenigen guten Leute, wurden auch dringendst für andere wichtige Aufträge benötigt.

Kurz um tauchte also die Frage auf, ob ich nicht noch jemanden kennen würde ? Und eingefallen ist mir nur mein damaliger bester Freund. Einer von der Sorte, auf die man sich zu 200% verlassen kann und auch intimste Details besprechen kann ohne Gefahr zu laufen, das es am nächsten Tag alle wüßten. Also riefen wir ihn an, ich sagte ihm worum es geht und gut war.

Er wußte natürlich schon genau was für ein verdammter Blowjob, anders konnte man das einfach nicht nennen, gerade diese Montagen waren. Die Hölle auf Erden, live uncut und mindestens 13 Arbeitsstunden am Tag volles Rohr durch. Er wußte es, mein Boss wußte es und mein Boss wußte das mein Freund es auch wußte. Es gab keine Geheimnisse. Und wir wußten alle: genau damit lässt sich gutes Geld verdienen. Denn mindestens 200 Einrichtungen sollten stattfinden. 200 mal einen sicheren Auftrag.

Nach dem Telefonat machte ich Feierabend. Mein Freund unterschrieb einen Arbeitsvertrag am Machmittag, am Sonntag saßen wir im Auto Richtung Erlangen. Ich fuhr zunächst mit unseren Jungs. Vier waren wir immer für diese Art der Montagen. Drei Jungs also die die nächsten 6 Tage ( zwei Einrichtungen je 3 Tage ) das eigentlich Unmögliche möglich zu machen, ganz so als hätten wir nie etwas Leichteres gemacht.

Gemeinsam sprachen wir einige Punkte auf der Fahrt noch mal durch. Punkte die der Neuling in der Truppe unbedingt wissen mußte – aber unmöglich behalten könnte, da es abertausende Kleinigkeiten waren. Zum Glück waren diesmal noch zwei weiter fähige und verlässliche Jungs mit an Board. Der Jüngste auch ein gelernter Schreiner.
Sein liebster Spruch war: „bei der Montage kannst´e dir das BATMAN- Kostüm anziehen.“ Soll heißen Gas geben ohne Ende. Der zweite Mann, war der Gutherzigste unter uns. Er hatte eigentlich nichts gelernt, war aber körperlich topfit – Kampfsportler was ich auch an ihm schätze.

Mein Freund wurde immer ruhiger nach den Schilderungen. Hatte er tatsächlich geglaubt, daß was ich ihm vorab erzählt hatte wäre nicht wahr gewesen oder bloß übertrieben ? Oder waren es jene Kilometer die verstrichen, bis wir da waren ? So kurz vor dem Ziel fiel mir dann diese passende Namensgebung ein. “J. glaub mir du mußt es dir so vorstellen wie in Ohama Beach. Du kennst doch den Film James Ryan der gerade in den Kinos läuft ? Das Landungsboot kommt zum Ufer, die Klappe öffnet sich und von vorne hält einer das MG rein.

Es wurde still, nur kopfnickendes Zustimmung.

Den Rest der Weiterfahrt, nach einer Zigaretten- u. Kaffeepause, verbrachte ich im auto unseres Montageleiters des Auftraggebers. Der hatte ein eklatantes Problem: er hatte nie eine Ahnung wo er war, also so mit dem Finger auf der Karte. Und er war nicht sehr beliebt in seiner Firma. Ich mochte ihn aber und ich behaupte mal, wir beiden kamen auch gut bis sogar sehr gut klar.

Die Anfahrt verging und wir checkten pünktlich im ETAP- Hotel ein, fünf Einzelzimmer hatte ich reserviert. Ich schätze diese Hotels noch heute. Du weißt immer das du nicht viel bekommst – aber du weißt ganz genau was du bekommst – überall in ganz Deutschland und zum Teil in Europa. Keine Überraschungen, wie Tierchen in den Zimmern, herunterfallende Kacheln im Bad, verschmorte Teppiche, siffige Vorhänge und teures aber dafür völlig ungenießbares Frühstück, oder noch schlimmer KAFFEE von der Sorte Spülwasser !

Wir verbrachten noch einen netten Abend in der Altstadt von Erlangen, aßen lecker und der ein oder andere trank auch ein Bierchen. Es wurde viel gequatscht auch oder gerade über den Job, auch wenn es eigentlich keiner wollte. Natürlich wurde dem Neuen viel aus der Nase gezogen, er gab sich seinerseits tapfer und siegesgewiss. Optimismus war wohl seine persönliche Devise der Stunde. Eine sehr sehr gute Devise. Die Nacht war kurz.

Pünktlich um acht standen wir wie immer vor der Pforte des Baumarkts, wo die Montage stattfinden sollte. Eine Ausstellungsflächen und Regalmontage für unseren amerikanischen Endkunden, der gerade auf dem deutschen Markt Fuß fassen wollte. Jener Endkunde war einer der größten Sanitärhersteller der Welt und wir hatten drei Tage, EINEMILLION Handgriffe so abzuwickeln, daß es keine Ausrutscher oder Eventualitäten gab.

Jeder hatte seine Aufgabe. Zwei Mann schafften zwei Paletten Werkzeug rein, ließen es am Eingang kontrollieren um nicht beim Verlassen der Baustelle Irrtümern zu unterlaufen, man hätte Werkzeug entwendet, was ohne jeden Zweifel ein deutschlandweites Hausverbot und somit auch ein jähes Ende aller weiteren Folgeaufträge bedeutet hätte. Klauen war nicht ! Das bläute ich allen immer wieder ein. Es wurde nur gekauft, auf Rechnung, oder über den Baumarkt hauseigenes Werkzeug bzw. ausgeliehen.

Ich begab mich meistens mit dem Bauleiter des Kunden ( nicht Endkunde ! ) zu den Ausstellungsflächen, vermaßen alles um Ungenauigkeiten gleich von Anbeginn klar zu eliminieren. Es gab diesbezüglich genauste Absprachen – alles was geändert, verschoben oder Mehrarbeit bedeutet hätte, hätte vorab schriftlich fixiert werden müssen und in Auftrag gegeben worden müssen. Denn es hätte zusätzliche Kosten und für uns zusätzlichen Gewinn bedeutet.

Allerdings waren wir zu diesem Zeitpunkt alles andere als scharf auf Zusatzarbeiten, Geld hin oder her. Wir hatten nur drei Tage, einen nicht geringen Baumumfang ( es gab insgesamt 7 Ausstellungsgrößen, wovon 7 die größte war und 1 halt die kleinste ) und wir hatten damals eine 6 gezogen.

Dann raus zur Warenannahme. Unser LKW mit dem Baumaterial war schon da. Wir leiteten die Entladung ein und begutachteten auch unsere Bauteile auf Beschädigung durch Transport bzw. auf erste Vollständigkeit.

Der Endkundenbauleiter, inzwischen eingetroffen, wurde nur schnell per Handschlag begrüßt, denn auch seine Ausstellungsstücke/ Produkte waren gekommen. Er mußte ebenfalls alles penibel kontrollieren.

Anschließend wurde alles gemeinsam zur Austellungsfläche in 1 OG gezogen, gedrückt, getragen – unter anderem eine 275kg schwere Metallgußbadewanne – Leergewicht wohlgemerkt ! – oder sonstwie bewegt.

Oben hatte schon einer unserer Jungs das Werkzeug platziert und J., so glaube ich, wurde erstmalig klar worauf er sich eingelassen hatte. 20 Paletten mit unseren Ausstellungsbauteilen und in etwas grob geschätzt 30 Paletten Sanitärprodukte ( ein dutzend Badewannen, Duschen, Duschecken u. – Abtrennungen, ca. 150 Wasserhähne, Waschbecken aller Größen und Bauart, Toilettentöpfe mit und ohne Spühlkasten und und und und… ).

Frühstückspause nach den ersten drei Stunden ohne das nur ein Bauteil in irgendeiner Form fertig gewesen wär. “Und ihr wisst auch alle genau wo was hinkommt ?” so in etwa lautete die frage von J. .

Ja wir wußten es und ich hatte sogar einen Aktenordner wo ich alles genaustens dokumentiert hatte. So genau, das ihn der Endkundenbauleiter, der Kundenabauleiter und sogar die Konkurenz- u. Fremdanbieter gerne gehabt hätten. Denn gerade die Fremdanbieter brauchten für eine ähnliche ( aber bei weitem nicht qualitativ vergleichbare Ausstellung ) 7 tage. Wir waren immer in 3 Tagen fertig. Das war sogar vertraglich fixiert. Und nur dafür gab es Geld.

Die Frühstückspause, die letzte Pause an diesem Tag bis in den Nachmittag hinein. Bis ca. 15:00 gab es nur noch eins. Malochen bis der Arzt kommt. Ich schnappte mir meinen Freund, die anderen beiden wussten schon längst was zu tun ist, und empfahl ihm mir am Arsch zu hängen wie eine Klette.

Wir begannen Bauteil für Bauteil zusammen zu suchen. Immer die Baumappe mit den Aufzeichnungen dabei, erklärte ich ihm jeden Handgriff mit einem warum und wiso und warum nicht anders ausführlichst. Seine staunenden Augen wurden immer größer. Aber er hielt sich tapfer. Wir schafften und schafften. Teil für Teil wurde fertig und so langsam hatten wir wieder soviel Material verbaut, daß man von normalen Bewegungen auf der Ausstellungsfläche sprechen konnte.
Oft war es so das man erstmal Platz schaffen mußte um eine Fuß vor den anderen zu setzten. Dabei mußte man auch immer noch beachten, daß der volle Kundenverkehr herrschte. So manchen Kunde kam zu uns mit der Bitte um Hilfe oder der geschickten Frage: „gehören sie auch zum Bauamarkt ?“ Nein Leibeigene waren wir nicht. Wir versuchten alle stets Ruhe zu bewahren und freundlich zu bleiben.

Die Stunden rannten ins Land. Sorgsam eingeteilte Rauchpausen, ich natürlich nicht, mit etwas Pipi machen oder auch mal einen schnellen Kaffee. Nachmittags war dann Mittagspause. Die Crew zog sich zurück um sich mit Essbarem zu versorgen. Amerikanische Schnellrestaurantketten waren sehr beliebt. Ich verbliebt meist auf dem “Floor”, so wurde die Ausstellungsfläche stets benannt.

Das war ganz parktisch, denn so konnte ich ein Auge auf das Werkzeug haben und oft noch weiter basteln. Es gab immer was zum basteln, denn nicht alles was vom Kunden kam oder uns an Material geliefert wurde passte auf Anhieb.

Wenn die Crew wieder da war, meldet ich mich meist zur Mittagspause ab. Die fand für mich zu 90% im Baumarktpausenraum statt. Eine Dose Ravioli, eine Coke, zehn Minuten die Augenlieder hängen lassen und dann wieder los. Oft kam noch der Endkundenbauleiter zu mir, der Auftraggeberbauleiter, der Baumarktsanitärmitabreiter, das Mobil klingelte… . Ich war nie so richtig alleine – eine schöne Zeit, wenn man weiß man(n) ist nicht alleine. Oder nicht ?

Der Tag wurde mal wieder sehr lang. Nach Geschäftschluss um 20:00 Uhr schafften wir noch „etwas“ Ordnung. Zweieinhalb stunde lang. Pappkartonagen vom ersten OG ins EG und dann in die Papppresse. Tagsüber war der Aufzug zu oft besetzt oder die Papierpresse wurde anderweitig benötigt. Man will ja nicht unangenehm auffallen und  andere Menschen bei der *ironie an* Arbeit stören *ironie aus*. Außerdem ein letzter Check, was wurde geschafft, was fehlt, nochmal mit dem liefernden Schreiner telefoniert was wieder geändert werden muß für die nächste Einrichtung etc..

Der erste Tag war rum und wir hatten ein Ziel erreicht: wir waren alle noch am Leben. Das gemeinsame Abendessen, eine Dusche etwas Einschlaf-TV und die Nacht hatte wieder einen neuen Gast. Wenn auch nicht für lange Zeit. Alternativ verbrachte ich oft auch noch ein zwei stunden über meiner Baumappe um Neuerungen und Verbesserunge zu notieren.

Die zwei anderen Tage waren nicht viel anders. J. gestand mir wenige Wochen später, daß er am zweiten Tag ernsthaft überlegt hatte wieder zu kündigen ! Was mir dabei einfällt, ich weiß gar nicht mehr ob ich ihn gefragt habe warum er überhaupt geblieben ist ? *grübel*

Jedenfalls wußten wir es am Ende der Woche, nach gute 60- 70 Wochenstunden, etlichen Kilometern auf dem Buckel, oft über tausend, hatten wir es wieder geschafft.

Das Schönste war wenn die “Amis” selbst da waren ! Es gab kein “SIE” und keine Langeweile. Amis rennen immer in Poloshirts rum. Jene haben kurze Ärmel und brauchen deshalb nicht hochgekrempelt werden. Denn sie haben immer voll mit angepackt. Irgendwann hat mich mal einer gefragt, wie ich das immer so Schafen würde ? Denn sie waren stets Fettich wie Brötchen.
Leider haben sie sich nach den ersten zwanzig Einrichtungen zurückgezogen. Nur noch gelegentlich sah man sich. Auf der Messe oder mal am deutschen Firmensitz.

Zum Abschluss noch ein paar Zahlen. In der aktiven Montagezeit für diesen Endkunden, habe ich im Schnitt monatlich 270 Stunden gearbeitet, davon 210 Stunden auszahlen lassen, den Rest auf ein Überstundenkonto geparkt. Bei dreißig Tagen Urlaub und einer Flautezeit im Sommer habe ich oft einen Monat zusätzlichen Urlaub von den angesammelten Überstunden bestritten – bei vollem Lohnausgleich versteht sich. Dafür hatte die Woche meist sechs bis sieben Tage kaum unter 13 Stunden am Tag.

Für diesen Job wurden über 250 Ersteinrichtungen, über 200 Zweiteinrichtungen und etliche Umbauten abgewickelt. Deutschlandweit, Österreich, Tschechoslowakei, Polen. Sogar Moskau und einige andere große russische Städte waren im Gespräch. Da waren wir dann aber nicht.

Ich wechselte nach gute 20 Einrichtungen die Firma und ging direkt zum Auftraggeber, nachdem mich ein Endkundenbauleiter angerufen hatte und mir den Tipp gab, eine große Messe- u. Ladenbaufirma.

Nach weiteren etwas 20 Montagen, mit neuer Crew – und nun endlich stressfrei ! – fragte man mich ob ich eine Computer bedienen kann. Ich sagte ja: “ich kann ihn an und aus machen.” “Das reicht, den Rest zeig ich dir” und fortan saß ich im Büro und wickelt vom Schreibtsich/ PC aus die restlichen Montagen ab, entwickelte neue Bauteile für neue Produkte, plante die Messestände mit und “hielt Händchen”.

Solange bis der Tag X kam.